Einer meiner Lieblingsmaler ist Pieter Bruegel, der oft Breugel ausgesprochen wird, obwohl sein Name im niederländischen Original eigentlich eher wie Brööchel klingt. Zu seinen bekanntesten Werken zählt der Turmbau zu Babel.
Zu diesem Gemälde habe ich vor einigen Jahren im Ars Electronica Center in Linz einen beeindruckenden Videovortrag gesehen (man kann sich den hier anschauen). Bruegel hat dieses Bild mit einem beinahe schon absurden Detailgrad gemalt. Während man als Besucher des Kunsthistorischen Museums in Wien, wo das Original in einer Dauerausstellung zu bewundern ist, eigentlich nur das große Ganze sieht, kann man in Wahrheit ungeahnt weit in das Bild hineinzoomen, um ganz unterschiedliche Szenen zu entdecken, die miteinander in keinerlei Zusammenhang stehen.

Szenenwechsel. Letzten Sonntag war ich mit meiner Familie bei der Nacht der Keltischen Feuer im Erlebnismiseum Mamuz. Das Highlight war eine Feuershow. Während dieser kam mir plötzlich der Gedanke, was für ein Glück ich habe, ein Leben zu leben, das beinhaltet, dass Menschen es gut genug haben, ihre Zeit damit zu verbringen, Kunst zu schaffen. In Wahrheit ist das Leben genau das Gegenteil des Bruegel-Gemäldes. Niemand von uns sieht das große ganze, jeder von uns sieht nur einen kleinen Ausschnitt, wird zu einer ganz bestimmten Zeit an einem ganz bestimmten Ort geboren. Dann schaut man sich das Ganze ein paar Jahrzehnte lang an und dann ist es auch schon wieder vorbei.
Ich bin zur Schule gegangen, habe studiert, jetzt übe ich einen Beruf aus, habe zwei wunderbare Kinder und schaue mir mir ihnen Feuershows an. Das ist mein Leben. Andere werden geboren, es ist Krieg, ihnen passieren lauter schreckliche Dinge. Das ist ihr Leben. Ich habe wirklich Glück.

Es fällt oft schwer, über den eigenen Horizont hinauszublicken. Dennoch sollten wir uns öfter ins Bewusstsein rufen, dass das, was wir erleben, nur ein ganz kleiner Ausschnitt der Welt ist, sowohl räumlich, als auch zeitlich. Würden mehr Menschen versuchen, das große Ganze zu sehen, gäbe es vielleicht mehr Empathie auf der Welt. Vielleicht würden Politiker – und Wähler – dann auch mehr nachhaltig sinnvolle Entscheidungen treffen, die die Welt für alle besser machen, wenn jeder sich als kleiner Teil von etwas größerem verstünde.

